Traumaberatung

Was ist ein Trauma?

Ein Trauma ist ein kurz oder lang anhaltendes Ereignis von außergewöhnlicher Belastung, das bei nahezu jedem Menschen tiefgreifende Verzweiflung und ein Gefühl der Hilflosigkeit auslösen würde. Man unterscheidet:

Akut- oder Monotrauma:

zB Naturkatastrophen, schwere Unfälle, schwere Verlusterlebnisse, Opfer oder Zeuge von Gewalt werden.

Langzeittrauma:

langanhaltende oder wiederholte, schlimme Erlebnisse, die mit permanenter Hilflosigkeit, Scham, Angst oder Demütigung einhergingen:

Oftmals in der Herkunftsfamilie:   Ein Elternteil ist suchtkrank, verbale oder körperliche Gewalterfahrung, Vernachlässigung, Missbrauch ... 

Je länger der traumatisierende Zeitraum besteht, desto stärker wirkt sich die Traumatisierung aus.

Die Folgen eines Traumas:

Nicht jedes Traumaerleben führt zu Folgestörungen. Zwei Drittel aller Menschen kann ein Trauma ohne Hilfe und Folgen bewältigen. Ein Drittel leidet, oft unbewusst, unter einem posttraumatischen Belastungssyndrom (PTBS).

Direkt nach einem Trauma kann es in den folgenden Tagen zu folgenden Symptomen kommen, die normal sind und der Verarbeitung dienen (akute Belastungsreaktion):

  • Häufiges gedankliches Beschäftigen mit dem Vorfall, ständig drüber reden
  • Verwirrtheit bis Desorientierung
  • Erregung, Reizbarkeit, "die Nerven sind gespannt", Schlafstörungen
  • Flucht in Tätigkeiten zur Ablenkung
  • Gefühlsausbrüche
  • Gefühl des „neben sich stehens“

Das posttraumatische Belastungssyndrom (PTBS):

Es tritt erst zeitverzögert nach Wochen, Monaten oder Jahren auf und darf nicht mit der akuten Belastungsreaktion, die hilfreich und normal ist, verwechselt werden. Die Kennzeichen sind:

Intrusionen:

Flashbacks oder Alpträume, in denen Bruchstücke des traumatischen Ereignisses gedanklich oder gefühlsmäßig wieder erlebt werden. Dabei kommt es wieder zu Angst, Erregung oder körperlichen Schmerzen.

Vermeidung: (Konstriktion)

Orte, Aktivitäten, Situationen, Menschen werden gemieden, die an das Trauma erinnern könnten. Folge: Der Lebensraum schränkt sich zunehmend ein.

Emotionale Taubheit: (Numbing)

Gefühle werden abgespalten und dürfen nicht an die Oberfläche, da dies als bedrohlich empfunden wird. Es entsteht ein Gefühl der Gefühllosigkeit. Sozialer Rückzug und Interessenverlust.

Übererregung: (Hyperarousel)

Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Nervosität, Konzentrations – und Leistungsschwäche. Reizbarkeit, Gefühlsausbrüche.

Der betroffene Mensch reagiert möglicherweise auch mit Dissoziation: Dies ist ein Zustand des „Neben sich tretens“, des Abspaltens aller Gefühle, um den traumatischen Zustand zu überleben. Dieser Zustand kann aber immer wieder eintreten, wenn eine aktuelle Situation an das Trauma erinnert. Man kann dann sich selbst, seine Gefühle, Körperteile oder seine Umgebung nicht mehr richtig wahrnehmen. Sie erscheinen fremd.

Es kann im Weiteren auch zu Essstörungen, Depression, Angststörungen, selbstverletzendem Verhalten, Suchtmittelkonsum oder Suicidalität kommen.

Da das PTBS für den Betroffenen eine große Belastung darstellt, bedarf es einer Behandlung durch einen Psychiater oder Psychotherapeuten. Auch ausgebildete Traumaberater unterstützen hier gut und wirkungsvoll.

Traumaberatung und -Seelsorge:

1.) Die Rat suchende Person trifft die Entscheidung, eine Veränderung zu wollen, auch wenn dies mit schwierigen Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen verbunden ist.

Die erste Veränderung besteht darin, die Rolle des ohnmächtigen, hilflosen Opfers zu verlassen, um die Lebensumstände mehr und mehr in Eigenverantwortung zu gestalten.

Der erste Schritt der Beratung besteht im Aufbau einer guten, vertrauensvollen, geschützten Beratungsbeziehung.

Dann beginnt nach und nach die Aufarbeitung des Erlebten mithilfe von:

Psychoedukation (siehe unten), Imaginationsarbeit (Arbeit mit inneren Bildern), Körperarbeit, Innerer Kind Arbeit, Erarbeiten eigener Kraft- und Hilfsquellen (Ressourcen) und Methoden der Distanzierung von Belastendem und von selbständiger Kontrolle starker, belastender Gefühle.

2.) Stabilisierung der traumatisierten Person:

Es geht vorrangig darum, innere und äußere Sicherheit zu schaffen. Dies geschieht durch

  • Vermeidung jeglichen Kontaktes mit dem Täter oder der Täterin.(keine weitere Traumatisierung).
  • Stärkung des Selbstwertes und der Beziehungsfähigkeit.
  • Erlernen von Techniken, die es ermöglichen, selbständig starke Gefühle zu regulieren.
  • Aufbau eines gesunden Selbstbildes und Selbstwertes: Irrige Überzeugungen über sich selbst erkennen,korrigieren oder von Gott korrigieren lassen.
  • Arbeit mit innerseelischen Bildern (Imagination) zur Stärkung und um Sicherheit zu bekommen.
  • Miteinbeziehen von Gott im Stabilisierungs- und Heilungsprozess.
  • Psychoedukation, das heißt, der Berater gibt Informationen über die Entstehung und Auswirkungen eines Traumas: Die Symptomatik ist eine normale Reaktion auf höchst unnormale Ereignisse.
  • Selbstverletzung und schlechten Umgang mit sich selbst stoppen. Alternativen lernen.

Ist ausreichend Stabilität erreicht, beginnt man, sich den belastenden und schmerzhaften Traumaerlebnissen auszusetzen:

3.) Sanfte Traumakonfrontation:

Durch Unterstützung von Gott und dem Berater wird das Traumageschehen nochmals durchlebt. Dies geschieht zuerst aus großer innerer Distanz und bruchstückhaft, und nähert sich zunehmend dem eigentlichen Geschehen. Dabei wird größten Wert darauf gelegt, eine Retraumatisierung zu vermeiden.

Im Moment des Traumas konnte das Gehirn das Geschehen nur als einzelne Bruchstücke abspeichern. Die Gefühle, die Wahrnehmung und die Körperreaktionen während des Traumas "erstarrten" im traumatischen Moment und konnten nicht verarbeitet werden (freeze and fragment). Dies diente dem Selbstschutz und war überlebnswichtig.

Der Körper konnte den enormen Stress nie abbauen (deshalb die Stress-Symptome als PTBS), das Gehirn konnte das ganze Geschehen nie im Ganzen abspeichern (deshalb Traumabruchstücke als Flashbacks), und die Gefühle und Körperreaktionen konnten nie fertig gefühlt und verarbeitet werden (deshalb die Gefühlstaubheit und mögliche körperliche Symptome).

Das Zusammenbauen der Erinnerungsbruchstücke, das geschützte, gefühlsmässige Wiedererleben der Situation und Körperarbeit helfen, das Trauma auf allen Ebenen zu verarbeiten und so in die eigene Biographie zu integrieren.

4.) Integration:

Das erlebte Trauma wird in die eigene Lebensgeschichte integriert, im Sinne von: „Ja, es ist mir passiert. Ja, es war sehr schlimm. Aber ich bin kein Opfer meiner Vergangenheit mehr und gestalte mein Leben jetzt selbst“.

Gefühle zulassen und dann loslassen, sowie Vergebung sind wichtige Elemente der inneren Heilung. Auch Trauerarbeit gehört dazu.

5.) Die eigene Zukunft selbst gestalten:

Durch die innere Heilung seelischer Verletzungen wird es möglich, sich von Lebenslügen und alten Verhaltensmustern zu trennen. Das Neue wird in dieser Phase gefestigt. Man lernt, auf seine eigenen Stärken aufzubauen und diese zu nutzen. Beziehungen können gleichwertig gelebt werden. Der Umgang mit Rückschlägen und Grenzen wird trainiert. Man lernt, in Eigenverantwortung den Umgang mit eigenen Grenzen und Bedürfnissen zu gestalten.

Die Phasen 1-5 sind fließend und gehen immer wieder ineinander über.